Arrangements mit der Sünde

Auch nach dem Rainhards-Weg müssen wir davon ausgehen, dass Österreich kein Steuerparadies, der Papst Kathole und eine Gesellschaft ohne Drogen undenkbar ist.

Sie haben ja so Recht, wenn Sie meinen, dass Ihnen die Tragödie des Barden langsam so egal wird wie die Tageszeitung von vorgestern. Wann Herr Fendrich auf seinem Fincachen zu Reue-Exerzitien schreitet und dann doch keine Kraft findet, die „Cola-Flasche“ aufzuschrauben, wie die „Bild“ vermeldete, möge er ab genau jetzt bitte für sich behalten. Trotzdem: Gute Besserung auf dem Balearen-Eiland! Womit wir uns frohen Mutes der Empörung zuwenden können, die das unfreiwillige Kokain-Outing des langjährigen Hermann Leopoldis für GTI-Fahrer nach sich zog. All die Enttäuschungen und das konzertierte Nichts-geahnt-Haben bei Familie, Freunden und entsorgten Weggefährten! Guten Morgen, willkommen auf dem Planeten Erde. Chinesen essen Reis, Popstars nehmen Drogen.

Mit raren Ausnahmen wie seelische Vegetarier à la Paul McCartney oder Sting, der sich inzwischen mit Sorgen um den Regenwald unter Strom stellt, und Madonna, die sich selbst Droge genug ist. Dann wird’s auch schon wieder eng. Dass Kokain alles andere als eine Kinderjause ist, sondern eine pulvergewordene Illusion, die so kurz wie gefährlich Unverwundbarkeit und eiskalte Wachheit vermittelt, steht außer Zweifel. Nach der chemischen Turboladung schrumpfen die Egos in der Ausnüchterungszelle unter ihre angestammte Größe.

Dennoch müssen wir davon ausgehen, dass Österreich kein Steuerparadies, der Papst Kathole und eine Gesellschaft ohne Drogen undenkbar ist. All den Gesundheits-Terroristen zum Trotz, die jetzt im Zuge des Rainhards-Wegs wieder Oberwasser kriegen. Man wird nicht zwangsweise zum guten Menschen, wenn man militant vor Mitternacht im Bett liegt, glückliche Möhrchen knabbert, Alkohol und Nikotin mit der „Delete“-Taste aus seinem Dasein eliminiert und mit Paulo-Coelho-Rezitationen im i-Pod bis zum Umfallen auf der Prater Hauptallee beschwingt trabt. Der obsessive Wille zur Gesundheit macht auch krank und funktioniert nach dem gleichen Suchtprinzip wie Kokain, Alkohol oder das unkontrollierte Einmarkten von Louis-Vuitton-Täschchen.

Der britische Soziologe Frank Furedi sieht in der „Wellnessmania“ sogar „die Ersatzreligion einer Gesellschaft, die zutiefst verunsichert ist und durch ihre Obsession mit dem Nichtkranksein den Mangel an sonstigen Werten zu kaschieren sucht.“ Diese Verunsicherung nährt inzwischen eine ganze Industrie, betrieben von selbst ernannten Laufgurus, Anti-Nikotin-Zuchtmeistern, Ernährungsphilosophen, Fitness-Coachs und Ratgeberautoren, deren Thesen, Moden und Überzeugungen im Wochentakt wechseln. „Man lebt nicht. Aber man ist gesund“, beschreibt Furedi die Ideologie des Angriffs auf die Lebenslust.

Die menschliche Psyche hat ein Recht auf Rausch, Kontrollverlust und Auszeiten für das rationale Ich. Das war zu allen Zeiten und in allen Kulturen so. Das dionysische Element wirkt so aggressions- und stressentlastend wie psychohygienisch wertvoll.

„Dabei suche ich nicht das Glück, sondern nur ein wenig Harmonie und ab und zu Ekstase“, notiert Oscar Dufresne, das Pariser Enfant terrible und des Schriftstellers Frédéric Beigbeder Alter Ego, in dem semifiktiven Tagebuch „Der romantische Egoist“ ein durchaus erstrebenswertes Lebenskonzept. Die Wege zur Ekstase sind facettenreich; Arrangements mit der Sünde im überschaubaren Rahmen durchaus belebend.

Was dem einen Rotweinverkostungen auf toskanischen Edelgütern sind, holt sich die andere bei Schaumpartys auf Ibiza, Champagner-Fahrten in die Innenstadt oder Ausdrucksgetanze im Hobbykeller.

„Auf den Alkohol – die Ursache und die Lösung aller Probleme“, lautet der Trinkspruch des Cartoon-Anarchisten Homer Simpson. Menschen, die ein bis zwei Gläser Wein pro Tag trinken, sind laut Studien sogar glücklicher und gesünder als jene, die ihn gänzlich verweigern.

In die Gefahrenzone trudelt der Konsument, wenn der Genussbringer seines Vertrauens sich jenseits des Lustprinzips befindet und zur Zwangsvorstellung wird. Wenn die Dinge nicht mehr zum Erlebens-, sondern Überlebensfaktor mutieren. Und die Funktion von Krücken kriegen. Dann ist mit Verlusten zu rechnen. Denn dann sind wir, wie Wolfgang Joop das nennt, „im Sadomasochismus des Kapitalismus“ gelandet, „in einer Welt der gewollten und völlig austauschbaren Süchte, die auf der Nachfrage basiert: Gib mir schnell etwas, das mich tröstet, ich kann es bezahlen!“

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

trend

Avaaz – Politik und Konzerne im Visier

 

trend

Berufsunfähigkeitsversicherungen – Prämienübersicht und Vergleich

Die Reichsten aller Kontinente

trend

Die Reichsten aller Kontinente