Arbeit los!

Hand aufs Herz. Wer springt in diesem Land bei diesen Bedingungen schon wirklich gerne ins kalte Wasser der Selbstständigkeit?

In Deutschland wurde der Begriff der Ich-AG zum Unwort des Jahres gewählt. Zu Recht. Steht doch Ich-AG nicht für die wahre Motivation zum freien Unternehmertum. Das Wort verharmlost vielmehr die zwanghaften Beweggründe jener, die ihre Verüberflüssigung, auch gerne Freisetzung genannt, antizipieren wollen – oder müssen; indem sie sich zu Unternehmern ihrer eigenen Arbeitskraft befördern; indem sie ihre Brauchbarkeit auf eigene Rechnung wiederherzustellen versuchen. Nicht weil in ihnen Risikofreude, Unternehmungslust und Unabhängigkeitsdrang brennen, sondern weil der Markt sie dazu zwingt.

Aus sozialpolitischer Sicht ist die Ich-AG blanker Zynismus. Aus gesellschafts- und wirtschaftspolitischer Sicht aber ist sie eine große Chance.

20 Millionen Menschen sind in Europa ohne Arbeit. Drei Millionen in Deutschland. 361.000 in Österreich. Tendenz steigend.

Aber können Ich-AGs, neue Selbstständige oder wie immer man die für sich selbst zur Verantwortlichkeit gezwungenen „Arbeitskraft-Unternehmer“ nennen mag, gegen diese Größenordnungen überhaupt beschäftigungspolitische Veränderungen bewirken?

Wenn es um die reinen Zahlen geht, kurzfristig nein. Wenn es um die pure Idee geht, schon. Und somit kommt unter dem Strich ein klares Ja heraus.

Die Bemühungen der EU, das Problem der Arbeitslosigkeit durch eine Beschränkung der Dienstleistungsfreiheit in den Griff zu bekommen, führt bestenfalls dazu, dass Pfuscher dann weiter illegal ihr Handwerk treiben. Und wer das 10-Punkte-Programm der SPÖ in ihrem „Vertrag für Arbeit und Wachstum“ liest, weiß, dass die Zahl der dadurch geschaffenen Arbeitsplätze eine höchst enden wollende sein dürfte. Außer Defensivmaßnahmen (z. B. Punkt 7: Die Übergangsfristen für den Schutz österreichischer Arbeitnehmer müssen voll ausgenützt werden) ist darin wenig enthalten.

Aber auch die Schritte der ÖVP zur Schaffung neuer Arbeitsplätze führen nicht weiter: Die Senkung der Körperschaftsteuer auf 25 Prozent hilft zwar dem Wirtschaftsstandort Österreich. Nur wie lange? Deutschland konterte mit einem halben Jahr Verzögerung – aber dann sogleich mit einer Senkung der KöSt auf 19 Prozent.

Zwischen diesen beiden Stoßrichtungen stecken die Betreiber ihrer Ich-AGs – für sie wird das steuerliche Umfeld nicht aufbereitet. Während Kapitalgesellschaften von der Steuersenkung profitieren, zahlen Personengesellschaften – und als solche sind die neuen Selbstständigen zu Beginn ihrer Tätigkeit meist organisiert – nach der Steuerreform 2005 sogar mehr Abgaben an den Staat.

Aber genau auf jenen, die gezwungenermaßen den Sprung in das kalte Wasser des Unternehmertums machen (siehe Titelgeschichte ab Seite 70), ruht die große Hoffnung auf Veränderung in unserer Gesellschaft und unserer Wirtschaft. Sie beziehen keine 14 Monatsgehälter; sie haben keinen Anspruch auf mehr als vier Wochen Urlaub im Jahr (im Gegenteil, wenn sie auf Urlaub gehen, müssen sie davor mehr arbeiten); sie können gegenüber ihren Kunden nicht auf kollektivvertraglich fix geregelte Arbeitszeiten pochen.

In materieller Hinsicht geht es vielen Betreibern einer Ich-AG zu Beginn schlechter als jedem Lohnempfänger. Aber sie haben eine für die zukünftige Entwicklung unserer Gesellschaft nicht hoch genug einzuschätzende Bedeutung: Nachdem sie den Sprung gewagt haben, auch dazu gedrängt worden sind, ist ihr Handeln autonom. Was sie jetzt tun, ist selbstbestimmt. Sie sind nicht länger Objekte einer abstrakten Betriebsstruktur, sondern Subjekte, die ihr selbst gestecktes Ziel verfolgen.

Natürlich ist auch die neue Eigenverantwortlichkeit nicht grenzenlos. Nun müssen die Arbeitskraft-Unternehmer sowohl die Zwänge des Lebens als auch jene ihres Betriebs in den Griff bekommen. Aber daraus resultiert sowohl für das Individuum als auch für die Gesellschaft ein enormes Veränderungspotenzial. Plötzlich sind Gestaltungsspielräume vorhanden, die man in früheren Angestelltenzeiten nicht hatte. Das führt zu neuen Ideen, schafft Innovation, bringt Veränderung, sowohl aus der Freiheit als auch aus den Zwängen des neuen Seins heraus.

Und diese neuen Dienstleistungen oder Produkte, die aus dem Zwang der neuen Freiheit heraus erwachsen, entstehen viel flexibler, viel dynamischer und zu viel geringeren Kosten, als es in großen Unternehmensstrukturen je der Fall sein könnte.

Und somit schließt sich der Kreis. Die Arbeitskraft-Unternehmer bilden eine neue Klasse unserer Gesellschaft. Noch ist ihr Status nicht der höchste. Sie profitieren weder vom sozialen Netz der Angestellten, noch partizipieren sie an üppigen Unternehmensgewinnen. Aber sie haben ihr Leben und ihr Arbeiten selbst in die Hand genommen. Und das treibt und zwingt sie zugleich – zu Wachstum und Beschäftigung.

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