Anatomie der Innovatoren

Prolog zum Essay. Im Museum für Angewandte Kunst (MAK), einem der zehn schönsten Plätze von Wien und dem vielleicht geeignetsten Ausstellungsort, veranstaltete „The Document Company“ Xerox die große Präsentation „Innovate 2004“. Ich hatte die Ehre, als trend-Botschafter die Festrede zu halten: „Wie man Innovator wird“. Da dies in freier Rede geschah, wünschte man im Nachhinein eine schriftliche Version. Diese versprach ich dem Regional-Kommandanten Douraid Zaghouani (gebürtiger Tunesier), dem Xerox-Austria-Chef Valeriu Nistor (gebürtiger Rumäne) und dessen Marketing-Chefin Sandra Kolleth. Mit dem folgenden Essay löse ich das Versprechen ein. Zugleich hat Xerox die Möglichkeit, für jeden seiner Besucher und Geschäftsfreunde ein Exemplar zu kaufen, den Text also in der schönen Form eines trend-Heftes nachzureichen, als sympathiefördernde Erinnerung an „Innovate 2004“. Eine Win-win-Situation also, im Prinzip eine innovative Idee. (H. A. G.)


I.
Die intellektuelle Grundlage
Joseph A. Schumpeter und das Schöpferische

Speziell für einen Österreicher wäre es fahrlässig, Innovatoren zu sezieren, ohne Schumpeter zu Hilfe zu rufen. Dieser war ein schrecklicher Mensch. Er war unverhohlen antisemitisch. Er hasste in peinlicher Manier seinen Widersacher John Maynard Keynes, den Erfinder des Deficit Spending. Er war ein äußerst mittelmäßiger Kurzzeit-Finanzminister Österreichs und riss eine Wiener Bank in den Bankrott.

Schumpeter war aber auch ein großer Kopf. Wie Böhm-Bawerk, v. Mieses und später Hayek machte er Österreich zu einer Großmacht der Nationalökonomie. In den USA, speziell an der Harvard University, wurde er hoch geschätzt, ja verehrt.
Er wird nun wieder öfter zitiert, wenn auch selten richtig verstanden. In Vergessenheit geriet, dass er im großen politischen Überblick irrte: Er hielt den Kapitalismus für tüchtig, aber todgeweiht, den Sozialismus hingegen für patschert, aber überlebensfähig. Seine wirklich große Leistung lag darin, unter die kalte, abweisende Schneedecke der Volkswirtschaftslehre zu graben. Dort entdeckte er als wesentliche Blume des Erfolgs das Einzelne, das Menschliche, das Kreative.
Der erfolgreiche Unternehmer, so Schumpeter, sei unablässig gezwungen, ein Innovator zu sein, unter Druck gesetzt von Nachahmern und billigen Jakobs. Er sprach von der „schöpferischen Zerstörung“ – ein Begriff, der ihn berühmt machte wie Picassos „Ich suche nicht, ich finde“.

Schumpeters Schlüsselbegriff wird meist richtig interpretiert, ausgenommen von der linken Intelligenzija, die sich an der Zerstörung festbeißt statt am positiven Schöpferischen. Im Wesentlichen geht es um eine Abwendung vom guten Alten und eine Hinwendung zum besseren Neuen.

Joseph A. Schumpeter sprach nicht in erster Linie von neuen Produkten beziehungsweise nicht allein von diesen. Er hatte nicht nur die „Erfinder“ im Kopf, die oft weltfremden Daniel Düsentriebs. Er sprach von „neuen Kombinationen“. Er meinte etwa einen Mix von Produkten und neuen Vertriebswegen oder die Weckung neuer Bedürfnisse durch neue Lösungen. Für Schumpeter war alles Innovation, was das Werkl fantasievoll in Gang hielt: „Der Unternehmer geht unter, wenn seine innovatorische Kraft erlahmt.“

Für heutige Innovatoren (und jene vielen, die es noch werden wollen) mag es im Sinne einer inneren, intellektuellen Sicherheit nützlich sein, über diese philosophischen Grundlagen Bescheid zu wissen. Umso mehr, als dieser Teil des Schumpeter’schen Werks heute wichtiger ist denn je.

Viele alte Märkte sind hoch gesättigt. Sie brauchen, um nicht auszutrocknen, einfallsreiche Bewässerung. Ein Beispiel, wo dies bisher glänzend gelang, ist die vermeintlich alte Welt der Automobilindustrie.


II.
Die psychologischen Grundlagen
Die Mentalität der Voranschreitenden

Als ein Schmetterlingssammler, der weltweit Interviewpartner suchte, die Angekommene waren, also Sieger im Weltmaßstab, lernte ich einiges über die Natur und das Verhalten der ganz Großen à la Gates, Olsen, Kaku, Morita, Kishimoto, Levy und Zulukönig Buthelezi.

Sie waren ziemlich anders, als sich Mittelmanager, die gerne Weltmanager spielen, dies vorstellen: Die Angekommenen hatten schon wieder Zeit. Sie waren schon wieder freundlich. Sie konnten schon wieder zuhören. Sie waren begeistert, wenn sie von neuen, auch völlig branchenfremden Ideen hörten. Allerdings waren sie auch leicht zu langweilen und schliefen ein oder gingen einfach weg, sobald sie nur Altes hörten, das ihnen längst vertraut war.

Sie hatten, kurzum, Schumpeters „schöpferische Zerstörung“ als Naturell in sich. Neue Kombinationen faszinierten sie. Sie waren und sind dazu angelegt, die Nr. 1 zu sein. Schon die Nr. 2 gilt ihnen als erster Rang der Verlierer.

Wem es genügt, halbwegs an der Spitze dabei zu sein, der ist schon kein Innovator im strengen Sinn mehr. Zwei Tipps für eine Selbstprüfung, um festzustellen, ob man zu diesem Typus zählt oder nicht.

Tipp 1: Waren Sie in Ihrer bisherigen Laufbahn bestrebt, nicht nur fleißiger, sondern auch einfallsreicher zu sein?

Tipp 2: Halten Sie es aus, auf ein sensationelles neues Notebook zu warten, bis es billiger wird, oder auf einen tollen Roman, bis er als Taschenbuch erscheint? Falls ja, sind Sie voraussichtlich ein erstklassiger Verwaltungsmanager, aber kein Innovator.

III.
Die grundlegenden Techniken
Von der Hilfe zur Selbsthilfe

Innovation ist nicht alles. Es gibt ein Leben und Überleben in der Wirtschaft auch ohne sie. Man sieht dies an vielen Wirten, die aus Angst vor Fehler-Risiko die Speisekarten ihrer Konkurrenten abschreiben, inklusive der Schreibfehler. Das sind aber keine Unternehmer im klassischen Sinn, sondern Arbeitslose auf hohem Niveau, mit oft gesunden Konten.

Ein Innovator muss naturgemäß anders sein. Das beginnt schon mit der inneren Haltung, die etwa der äußeren Haltung des elegantesten Sprinters aller Zeiten, Carl Lewis, entspricht. Dieser warf beim Start den Oberkörper so weit nach vorne, dass er laufen musste wie ein Wildschwein, um nicht auf den Rüssel zu fallen.
Dynamik und Wachheit sind angesagt und eine schwierige Balance von Wissensdurst und Weltverweigerung. Damit ist Folgendes gemeint: Theoretisch sollte man über alle Rülpser seiner Branche, über jede winzige Veränderung und Innovation Bescheid wissen. In der Praxis stimmt das nicht ganz. Es nützt nichts, Tag und Nacht mithilfe der klassischen Medien und des Internet auf dem Laufenden zu bleiben, aber keine Zeit mehr zu haben für ein frisches, eigenes Denken und Erfinden.

Sogar der gegenteilige Effekt ist denkbar: Wer alles rundherum weiß, glaubt alle Wege verbaut – er wird demotiviert, weil er durch die Info-Dichte keine Schlupflöcher findet. Ein gewisses Maß an Unwissen und damit Unschuld und Naivität kann das Gehirn befreien und zu ungewöhnlichen Lösungen führen.

Viele scheitern auch am Zeitproblem. Alltagssorgen, Berufsroutinen und Familie scheinen keinen Raum zu geben fürs freie Denken. Meine Antwort: Wahrscheinlich schlafen sie zu viel. Dazu ein Tipp, den ich in Rotchina aufschnappte und für dessen Risiken und Nebenwirkungen ich keinerlei Verantwortung übernehme.

Dieser Tipp lautet: Sie können tausende Kreativstunden gewinnen, wenn Sie nur vier Stunden und zwanzig Minuten pro Tag schlafen. Man braucht drei Tiefschlafphasen. Die beiden ersten kommen teuer: Für sie muss man vier Stunden im Stück schlafen. Die dritte kommt geschenkt: mit einem zwanzig Minuten langen Büroschlaf (notfalls auf der Tastatur oder den Unterarmen) im biorhythmischen Tief, das Europäer meist zwischen 14 und 16 Uhr mitten im Nachmittag haben.

Meine Tests ergaben: Es funktioniert gut, verlangt anfangs aber Disziplin und Härte. Wenn ich heute länger als sechs Stunden schlafe, bin ich missmutig, ungerecht und schlapp und frei von jedem innovatorischen Einfall, der mich weiterbringen könnte.
Letzter technisch-mentaler Tipp: Lösen Sie Ihre inneren Bremsen. Versuchen Sie, kein schlechtes Gewissen zu haben, weil Sie als Erneuerer ein stark innengeleitetes, egoistisches, elitäres Leben führen. Nicht nur der Dschingis Khan unter den Wissenschaftern, Konrad Lorenz, hielt dies für natürlich, überlebensnotwendig und zielführend im Sinne der Evolution. Der weitaus sanftere Sir Karl Popper sagte: „Auch der kleinste Organismus, selbst die Amöbe, ist in jeder Sekunde darauf angelegt, die eigenen Lebensumstände zu verbessern.“

IV.
Wie man Innovatoren züchtet
Die Innovation der Innovationen

Wer schon ganz oben und höheren Alters ist, sollte immer noch den Geist eines jungen Innovators zeigen. Tödlich, sich dann plötzlich in eine gute alte Zeit zurückzusehnen (die nur deshalb gut war, weil man selbst noch schneller und schöner war) und dem Neuen gegenüber plötzlich Misstrauen zu entwickeln.
Generaldirektoren und CEOs, die in diese Altersfalle laufen, sollten von den Aufsichtsräten unverzüglich betäubt und in luxuriöse Altersheime verschleppt werden.

Der ideale Weise kümmert sich um die Aufzucht innovatorischer Nachfolger. Dafür gibt es keine schönere Anleitung als jene von Antoine de Saint-Exupéry: „Wenn du fremde Länder entdecken willst, lehre deine Männer nicht, Bäume zu fällen und Schiffe zu bauen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem Meer.“
In erster Linie geht es immer darum, gerne Sieger und Erneuerer zu sein. Erst in zweiter Linie darum, wie man das macht.

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

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