Wikipedia-Chef: "Wir haben kein Finanzproblem"

Wikipedia-Chef: "Wir haben kein Finanzproblem"

Jimmy Wales (Wikipedia) und Craig Palmer (Wikia): Ähnliche Technologie - unterschiedliche Erlösmodelle.

Die Online-Enzyklopädie Wikipedia ist aus dem Leben der meisten Menschen nicht mehr weg zu denken - doch wie finanziert sich das kostenlose Angebot eigentlich? Jimmy Wales, Gründer von Wikipedia, steht im Gespräch mit trend.at Rede und Antwort.

Ein Leben ohne Wikipedia ist heute kaum noch vorstellbar, die Online-Enzyklopädie gilt für viele Menschen als erste Anlaufstelle für Recherchen im World Wide Web. Seit der Gründung im Jahr 2001 wurden über 39 Millionen Artikel in fast 300 Sprachen verfasst, in der deutschsprachigen Variante sind es fast zwei Millionen Artikel.

In Österreich vergleichsweise unbekannt ist hingegen wikia.com – eine Website, die ebenfalls von Wikipedia-Gründer Jimmy Wales ins Leben gerufen wurde, aber im Gegensatz zu seinem Non-Profit-Projekt ein kommerzielles Geschäftsmodell verfolgt. Wo Wikipedia bei popkulturellen Themen nur an der Oberfläche kratzt, da geht Wikia ins Detail: Hier verfassen Fans Artikel zu Themen wie „Krieg der Sterne“ und „Game of Thrones“, es gibt 360.000 unterschiedliche Themenbereiche, die pro Monat von 190 Millionen Menschen durchstöbert werden. Auf dem Pioneers Festival waren Wikipedia-Chef Jimmy Wales und Wikia-CEO Craig Palmer zu Gast und standen trend.at Rede und Antwort zur finanziellen Lage ihrer Organisationen.

Man sagt, dass es bei der Gründung von Wikipedia auch österreichische Einflüsse gab – stimmt das?

Jimmy Wales: Ein Teil der Denkweise des Ökonomen Friedrich Hayek hat meine Ideen in der Anfangszeit von Wikipedia beeinflusst. Er schrieb im Jahr 1945 ein Paper über die Verwaltung von Wissen in einer Gesellschaft, mit der großen Fragestellung: Ist es effizienter, eine zentral geplante Volkswirtschaft zu haben, bei der alle relevanten Informationen nach innen in Richtung Entscheidungsträger kommuniziert werden – oder sollten die Entscheidungen besser an den Punkten getroffen werden, an denen die Informationen vorhanden sind? Heute finden wir es effizienter, die Entscheidungsfindung an die äußeren Punkte zu verschieben und dies über ein Preissystem zu koordinieren. Von dieser Denkweise wurde Wikipedia beeinflusst: Das Wissen wird nicht zu einer zentralen Institution aus Redakteuren kommuniziert, die dann Entscheidungen treffen – stattdessen wird das Wissen direkt in den Artikeln der Enzyklopädie diskutiert, wo es auch vorhanden ist. Zwar gibt es bei uns nicht den Preismechanismus, von dem Hayek sprach, aber der Denkansatz ist gleich: Wissen ist in einer Gesellschaft breit verteilt – und wenn man Menschen dazu ermächtigt, Entscheidungen lokal zu treffen, dann ist das eine sehr starke Lösung.

Sind Wikipedia und Wikia cash flow positiv?

Wales: Die Wiki-Foundation ist eine Organisation, die in erster Linie durch Kleinspenden finanziert wird. Wir haben eine Finanzreserve und versuchen, sehr konservativ zu wirtschaften. Non Profit Organisationen müssen normalerweise Finanzreserven für ein bis zwei Jahre haben, wir haben meist Reserven für bis zu 18 Monate.

Craig Palmer: Um das klarzustellen: Wikipedia und Wikia sind zwei unterschiedliche Institutionen. Eines ist gewinnorientiert, das andere nicht. Jimmy ist halt der Gründer von Beiden und ist nach wie vor der Chairman bei Wikia. Wikia wird immer profitabler, der Umsatz liegt heuer zwischen 50 und 100 Millionen Euro.

Und der Gewinn?

Wales: Wir machen keine konkreten Angaben zum Gewinn, können aber so viel verraten: Es läuft derzeit recht gut, wir wachsen 30 Prozent pro Jahr.

Palmer: Bis jetzt haben wir all unsere Investment-Dollar und all unseren Umsatz reinvestiert, um die Plattform, das Unternehmen, die Mitarbeiter und das Produkt per se aufzubauen. Nun bewegen wir uns in eine Phase von extremem Wachstum und steigender Profitabilität. Wie Jimmy schon sagte: Genaue Zahlen kommunizieren wir nicht, aber wir sind profitabel und wir wachsen.

Wales: Wir sind glücklich.

Viele Leute fühlen sich allerdings belästigt durch diese kleinen „Bitte spenden Sie jetzt“-Aufrufe auf Wikipedia. Haben Sie mal daran gedacht, das Produkt anders zu finanzieren?

Wales: Nein, damit sind wir wirklich zufrieden. De facto haben wir im Lauf der Jahre die Zahl dieser Anzeigen reduzieren können. Derzeit kommt ein immer größerer Anteil an Spenden von unseren regelmäßigen Spendern: Wenn Sie einmal gespendet haben, bekommen Sie nach einiger Zeit eine E-Mail, in der steht: „Hey, Sie haben schon mal gespendet – es wäre mal wieder an der Zeit…“. Und die Leute machen das.

Wie viele Menschen werden zu Wiederholungsspendern?

Wales: Etwa zwei Millionen. Und die Zahl wächst.

Wie viel spenden die Menschen im Schnitt?

Wales: Etwa 20 bis 25 Dollar. Aber der Großteil unseres Geldes kommt von Menschen, die 50 bis 100 Dollar spenden – sie sind unser Rückgrat. Mit einer neuen Kampagne planen wir heuer, 100 Millionen Dollar aufzustellen, die in einem separaten Budget mit separater Struktur untergebracht werden. Das wird unser Langzeit–Sicherheitsposten. Mein Haupt-Fundrainsingjob in diesem Jahr lautet also: 100 Millionen Dollar aufstellen – wo auch immer ich sie finden mag.

Etwa von Risikokapitalgebern, so wie es andere Start-ups machen?

Wales: Ich habe definitiv viele wohlhabende Freunde in Silicon Valley, die ich normalerweise nicht nach Geld frage und die ich nun nach Geld fragen werde. In den kommenden Wochen werden wir Namen verkünden – da sind hoffentlich ein paar große dabei.

Könnte es für Wikipedia irgendwann gefährlich werden, wenn ein Mitbewerber kommt, der auf einem solideren finanziellen Fundament steht? Ein Enzyklopädie etwa, die sich ähnlich wie Wikia über Werbung finanziert?

Wales: Wikia selbst wäre in der Position, das zu tun – aber das ist für uns keine Option. Wissen Sie, Wikipedia ist eine kulturelle Ikone, eine kulturelle Institution. Und wir sind gut finanziert und stabil. Wir haben 80 Millionen Dollar in der Bank liegen. Wir denken bei Wikipedia nicht daran, unser Geschäftsmodell zu ändern – wir sind glücklich damit, wie es ist.

Palmer: Wikia ist das Gegenteil. Wir heißen Werbung willkommen, weil es der beste Weg zur Finanzierung unseres Geschäfts ist. Unsere Nutzer sind sehr aktiv, allein die „Star Wars“-Community hat 60.000 Seiten Inhalt kreiert. Disney (Anm.: Disney hat die Recht an den „Star Wars“-Filmen) wirbt natürlich gerne in einem Umfeld, in dem sie die Kreativität der Fan-Massen nutzen können. Daher ist das Werbemodell gut für Wikia, bei Wikipedia hingegen würde es nicht funktionieren.

In Österreich gab es immer mal wieder Skandale rund um Wikipedia, weil Menschen und Unternehmen Inhalte zu ihren eigenen Gunsten verändert haben. Manager haben ihr Alter nach unten verändert, Unternehmen haben kritische Passagen gelöscht Was sagen Sie dazu?

Wales: Mit solchen Aktionen kommt man so gut wie nie ungeschoren davon – was der Hauptgrund dafür ist, dass Sie davon etwas wissen. Wenn jemand etwas Schlechtes mit Wikipedia anstellen will, dann wird er erwischt. Natürlich unterlaufen auch der Wikipedia Community manchmal Fehler, aber generell sind die User sehr wachsam. Dazu gehört auch die Vorgabe, dass wir auf seriöse Quellen bestehen, das ist uns recht wichtig. Die einfachste Form von Vandalismus – wenn also jemand sein Alter ändert – wird normalerweise innerhalb weniger Sekunden revidiert. Manche User werden gesperrt. Wir haben Sicherheiten in das System eingebaut: Wir machen das inzwischen seit 15 Jahren. Also wissen wir recht gut, wie man damit umgeht.

Wikis sind eine frei verfügbare Technologie. Baut Wikia auf der gleichen Technologie auf wie Wikipedia?

Palmer: Ja – und mehr: Wir haben mehr Möglichkeiten zum Diskutieren und zum Einbinden von Multimedia-Inhalten geschaffen. Dadurch sind wir mehr mit dieser Popkultur- und Entertainment-Szene verwoben, die Wikia repräsentiert. Und, ja: Ein wenig Code teilen sich unsere beiden Organisationen.

Wenn heute Gründer ein Start-up mit Hilfe eines Wikis gründen wollten, wozu würden Sie ihnen raten? Eine Enzyklopädie? Ein Fan-Wiki? Oder etwas ganz anderes?

Palmer: Das könnten Anwendungen sein, die wir bisher noch nicht gesehen haben. Ich würde niemandem raten, eine Enzyklopädie zu machen, weil das wirklich schwierig ist (lacht). Auch zu etwas im Popkultur-Bereich würde ich nicht raten, weil Wikia hier schon sehr stark ist. Aber es gäbe schon interessante Sachen, die man mit dieser Technologie machen kann.

Wales: Ein Thema, das derzeit beliebt ist, sind interne Wikis, die hinter der Firewall eines Unternehmens stattfinden. Dazu lädt man sich einfach die Mediawiki-Software gratis herunter und installiert sie im Firmen-Intranet. Wir halten uns selbst aus dieser Branche heraus, weil es ein hartes Geschäft ist – aber wir finden, dass Menschen die Software verwenden sollten. Aus unserer Perspektive hat das auch einen Nutzen: Zuerst lernen die Leute die Verwendung dieser Software in ihrem Intranet, dann kommen sie zu uns und tragen zum öffentlichen Projekt Wikipedia bei.

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