Insolvenzexperte: "Keine Pleitewelle durch Registrierkassenpflicht"

Insolvenzexperte: "Keine Pleitewelle durch Registrierkassenpflicht"
Insolvenzexperte: "Keine Pleitewelle durch Registrierkassenpflicht"

KSV1870 Insolvenzexperte Hans-Georg Kantner: "Die Gefahr einer Insolvenz besteht immer, aber man muss sich als Gründer nicht davor fürchten."

Heuer wird die Zahl der Insolvenzen wieder ansteigen, die Talsohle bei den Unternehmenspleiten ist durchschritten, sagt Hans-Georg Kantner, Insolvenzexperte beim KSV1870. Warum die vielgefürchtete Registrierkassenpflicht nicht zum Sterben in der Gastronomie führt, die Erfolgsquote von Jungunternehmern hierzulande hoch ist und sich Frankenkredite nicht auf die Privatinsolvenzen auswirken, erklärt er im trend.at-Interview.

trend.at: Für Außenstehende ist es oft schwer nachzuvollziehen, warum Unternehmen Millionenkredite bekommen und dem Einzelnen bei der Bank ein Kredit verwehrt wird. Die Zielpunkt-Pleite von einem Tag auf den anderen verstärkt diesen Eindruck. Wie würden Sie das als Insolvenzexperte jemandem erklären?

Kantner: Banken vergeben zu einem Zeitpunkt Kredite an Einzelpersonen und Unternehmer, an dem sie sie für kreditwürdig halten. Alles andere wäre sogar eine strafbare Handlung, wenn Zeichnungsbefugter einen Kredit vergibt und genau weiß, dass der Kreditnehmer ihn nicht zahlen kann. Bei Zielpunkt muss man sagen, dass das Unternehmen nicht von heute auf morgen in die Insolvenz gerutscht ist. Die Supermarktkette war über viele Jahre ein Restrukturierungsfall. Viele haben versucht, Zielpunkt neu auszurichten, zuletzt eben die Pfeiffer-Gruppe. Es kann nicht für alles eine Erfolgsgarantie geben, das ist eben der Wettbewerb.

trend.at: Sie haben im Dezember gesagt, dass Unternehmensinsolvenzen mit vielen Mitarbeitern "etwas geradezu erwartbares und normales" sind. Wird es das heuer wieder geben?

Kantner: Ich habe damit auf die skandalösen Äußerungen reagiert, die nach dem Bekanntwerden der Zielpunkt-Insolvenz von einer gewissen Seite reflexhaft gekommen sind. Zielpunkt war ein überschuldetes Unternehmen, das nur auf dem Rücken einer Fortbestehensprognose arbeitete. Diese ist nur positiv, wenn der Fortbestand und die Zahlungsfähigkeit des Unternehmens überwiegend wahrscheinlich sind. Zielpunkt war nach eigenen Angaben bis inklusive September im Plan, im Oktober ist der Umsatz eingebrochen und auch in der ersten Novemberhälfte nicht besser geworden.

Es ist tatsächlich der Fall, dass Insolvenzen von Unternehmen mit vielen Mitarbeitern zeitlich in der Nähe von Sonderzahlungen auftreten. Insolvenzen sind nicht gleich über das Jahr verteilt, sondern sie oszillieren. Man sieht ganz deutlich, dass es im November und Dezember und Juni und Juli große Insolvenzen gibt. Das zeigt uns die Statistik aus 25 Jahren.

trend.at: 2015 gab es mit 5.126 Unternehmensinsolvenzen um 5,5 Prozent weniger als im Jahr davor. Wie sieht ihre Prognose für 2016 aus?

Hans-Georg Kantner: Wir hatten zwar im vergangenen Jahr wieder weniger Insolvenzen als 2014, allerdings war der Abstand zum Vorjahr zur Jahresmitte noch deutlich größer als am Jahresende. Die Unternehmensinsolvenzen haben die Talsohle des Rückgangs durchschritten und es wird heuer voraussichtlich wieder einen Zuwachs geben. Dort spielen sehr viele Faktoren hinein. Einer der wichtigsten davon ist das Verhalten der kreditgebenden Banken. Einen Tsunami an Insolvenzen erwarten wir nicht, sondern einen Zuwachs im unteren einstelligen Prozentbereich.

Die Statistik zeigt: Insolvenzen treten gehäuft in den Monaten Juni, Juli, November und Dezember auf.

trend.at: Schirnhofer schlitterte als Zulieferer von Zielpunkt unmittelbar danach in die Pleite. Der Fleisch- und Wurstfabrikant machte rund ein Drittel seines Umsatzes mit der Supermarktkette. Ist es nicht grob fahrlässig, wenn ich als Unternehmer von einem Großkunden so abhängig bin?

Kantner: In Wirklichkeit lief bei Schirnhofer seit einem Jahr bereits ein Schuldenabbau- und Restrukturierungsprogramm. Es gab erhebliche Rentabilitätsprobleme, Schirnhofer hatte im Geschäftsjahr zuvor einen Verlust von mehreren Millionen geschrieben. Die Zielpunkt-Pleite ist zu einem Moment gekommen, in dem das Unternehmen sehr verletzlich war. Daher würde ich sagen, das ist weniger eine Folgeinsolvenz, sondern eine ganz blöde Konstellation für Schirnhofer gewesen. Je weniger Abnehmer ein Unternehmer hat, desto verletzlicher ist er. Schirnhofer muss sich um neue Abnehmer bemühen und repositionieren (Anmerk.: Derzeit läuft bei Schirnhofer ein Sanierungsverfahren).

trend.at: In welchen Branchen sehen Sie 2016 ein besonders hohes Ausfallrisiko?

Kantner: Wir haben uns 2008 nach Ausbruch der Finanzkrise überlegt, was das für die österreichische Wirtschaft bedeutet und haben festgestellt, dass es alle Branchen erfassen wird - nur nicht alle gleichzeitig. Exporte, der Maschinenbau und der Automotive-Sektor waren unmittelbar danach betroffen. Bei persönlichem Konsum und der Bauwirtschaft gab es hingegen Aufwind. Viele Menschen haben ihr Eigenheim renoviert, eine neue Küche gekauft und das Geld in Bauleistung investiert. 2009 hat die Bauwirtschaft einen Rückgang der Insolvenzen verzeichnet, während die Insolvenzen insgesamt um zehn Prozent gestiegen sind. Das hatte aber den Effekt, dass es später zurück gependelt ist.

trend.at: Wie sieht es dann heute aus?

Kantner: Meiner Einschätzung nach hat es sich ausgependelt. Für heuer kann ich deswegen keine Branche nennen, die besonders exponiert wäre.

trend.at: Es gab vor kurzem eine Enquete im Nationalrat: Die SPÖ will die Mindestquote von zehn Prozent bei Privatkonkursen streichen. Wie bewerten Sie dieses Vorhaben?

Kantner: Über die Mindestquote diskutieren wir seit acht oder zehn Jahren. In Deutschland oder den USA gibt es keine Mindestquote. Man würde erwarten, dass eine Mindestquote weniger Sanierungen zur Folge hat, da sie eine hohe Hürde darstellt. Der statistische Befund zeigt allerdings das Gegenteil: Wir haben viele Sanierungen in Österreich, eben weil es diese Mindestquote gibt. Hierzulande haben wir bei den Unternehmensinsolvenzen etwa ein Drittel Sanierungsfälle, die USA haben wenige Prozentpunkte, die Deutschen detto. Auch beim Privatkonkurs gibt es keine zwingende Mindestquote, das ist nur ein Richtwert. In Österreich bekommen 85 Prozent der Gläubiger Geld und die Schuldner werden entschuldet. In Deutschland hingegen erhalten nur in 15 Prozent der Fälle die Gläubiger Geld.

trend.at: Welchen Effekt hätte die Abschaffung der Mindestquote?

Kantner: Das, was im Privatkonkurs passiert, strahlt natürlich nach vorne. Wie verhalten sich Schuldner im Verzug? Es gibt 8.000-9.000 Insolvenzfälle im Jahr, heuer wird die Zahl die Marke von 9.000 überschreiten. Die Abschaffung der Mindestquote wirkt sich aber auf viele tausend andere Fälle aus. Für mich ist die Zehn-Prozent-Mindestquote der Schlüssel zum Erfolg unseres Insolvenzverfahrens. Würde man sie abschaffen, hätte das erwartbar den Effekt, dass die Gläubiger praktisch nichts mehr kriegen würden.


"Die Zehn-Prozent-Mindestquote der Schlüssel zum Erfolg unseres Insolvenzverfahrens."

trend.at: Was sind die Hauptursachen für Privatkonkurse?

Kantner: Wenn wir uns anschauen, mit welchen Schulden die Schuldner ins Gericht kommen, dann sind dies zu 80 Prozent Verbindlichkeiten bei Finanzinstitutionen. Die restlichen 20 Prozent verteilen sich auf Privatdarlehen, Handwerker, Versandhandel, aber letztlich kann es auch der Kirchenbeitrag sein. Ehemalige Selbstständigkeit ist nach wie vor eine der größten Ursachen, sie macht rund ein Drittel der Fälle aus. Daneben haben wir die Trias Verlust oder deutliche Verringerung des Einkommens, etwa durch Arbeitslosigkeit oder Teilzeitbeschäftigung, Krankheit und Scheidung. Oft bedingt das eine auch noch das andere. Durch eine Scheidung entsteht meist die Notwendigkeit, aus einem zwei Haushalte zu machen und dadurch gehen die Fixkosten in die Höhe. Streitige Scheidungen sind zudem mit hohen Rechtsanwaltskosten verbunden, das kann sehr teuer werden.

trend.at: Spielen auch vererbte Schulden eine Rolle?

Kantner: Sie erben Schulden nur dann, wenn Sie ein Vermögen übernehmen. Wenn Sie ein Unternehmen erben, erben sie die Aktiva und Passiva. In Österreich besteht aber die Möglichkeit, dass man das Erbe ausschlägt, das heißt, sie müssen nicht erben. Außerdem können Sie auch mit einem sogenannten Inventar erben: Das bedeutet, dass die Haftung auf den Wert der übernommenen Gegenstände beschränkt wird. Es gibt nicht selten Erbschaftskonkurse aus diesem Grund.

trend.at: Stichwort Registrierkassenpflicht: Glauben Sie, dass es in der Gastronomie ein großes Sterben geben wird?

Kantner: Ich persönlich erwarte nicht, dass es deswegen zu einer Pleitewelle kommen wird. Die Gastronomie ist eine große Branche, in Österreich gibt es rund 60-70.000 Unternehmen. Darunter sind sehr viel kleine Unternehmen, da gibt es generell ein ständiges Kommen und Gehen. Das ist mit ein Grund, warum die Gastronomie bei der Zahl der Insolvenzen immer unter den Top Drei zu finden ist. Das hat nichts damit zu tun, dass die Branche so insolvenzgeneigt ist - statistisch gesehen ist die Branche unterdurchschnittlich insolvent. Es gibt immer wieder Vorwürfe, dass in der Gastronomie Umsätze am Fiskus vorbeilaufen. Wenn dem so ist, dann wird die Registrierkassenpflicht die Unternehmen zwingen, die Umsätze durch offizielle Kanäle laufen zu lassen. Das kann dazu führen, dass die Konsumation teurer wird. Es könnte phasenweise zu einer Nachfrageverschiebung kommen.

trend.at: Die Skigebiete stöhnen unter dem milden Winter und warten auf Schnee. Wird es bei Skibetreibern und Hoteliers heuer vermehrt zu Pleiten kommen?

Kantner: Wechselnde Wetterverhältnisse hat es immer schon gegeben. Langfristig ist es aber der Fall, dass sich die niedrig gelegenen Skigebiete darauf einstellen müssen, dass sie gar keinen oder keinen verlässlichen Schnee mehr haben. Alle Orte bis 700 oder 1000 Meter müssen damit leben lernen, dass es eine Garantie für Schnee über Wochen oder sogar Monate nicht mehr gibt. Bei den sekundären und tertiären Skigebieten müssen sich die beteiligten Gemeinden überlegen, ob sich der Betrieb noch lohnt. Beispiel Mariazell: Das war mal ein wichtiger Winterurlaubsort. Doch kann Mariazell nachhaltig mit einem Skigebiet in Tirol konkurrieren?


"Frankenkredite lösen in Österreich keine Lawine an Privatinsolvenzen aus."

trend.at: In Österreich haben noch rund 140.000 Haushalte Frankenkredite, im Schnitt 180.000 Euro. Kommt deswegen noch eine Lawine an Privatinsolvenzen?

Kantner: Nein. Diese Frankenkredite haben mit Privatinsolvenzen zumindest derzeit nichts zu tun. Denn in den vergangenen zehn Jahren sind die Liegenschaften, die damit finanziert sind, enorm werthaltig geworden. Der Immobilienboom führte zur Verdoppelung der Werte in den vergangenen fünf bis zehn Jahren. Das heißt, die Leute, die mit Frankenkrediten spekuliert haben, haben nun erhebliche Mehrkosten gegenüber dem, was sie sich erwartet haben. Aber der Vermögenswert, den sie haben, gilt als Absicherung. Fremdwährungsursachen spielen bei der Insolvenzstatistik daher keine Rolle.

trend.at: Wie schätzen Sie die Situation für Jungunternehmer ein?

Kantner: Laut unserer Statistik sind nach zehn Jahren rund 18 Prozent der Neugründer mit der Insolvenz konfrontiert, das heißt, durch eine Insolvenz gegangen. Heruntergerechnet sind das rund 1,8 Prozent pro Jahr. In den ersten Jahren liegt die Insolvenzanfälligkeit bei 2,5 bis 3,5 Prozent. Wer sich allerdings fünf oder sieben Jahre am Markt behaupten konnte, hat danach eine wesentlich geringere Anfälligkeit. Etwas ältere Statistiken der Wirtschaftskammer belegen, dass nach einem Jahrzehnt noch rund 60 Prozent der neugegründeten Unternehmen am Markt sind, das ist eine sehr hohe Erfolgsquote. Die Gefahr einer Insolvenz besteht immer, aber man muss sich als Gründer nicht davor fürchten. Sie sollten sich aber über ihr Eigenkapital den Kopf zerbrechen. Denn das Eigenkapital ist der Reservekanister für einen ungewissen und risikobehafteten Weg.


Zur Person:

Hans-Georg Kantner wurde 1957 in Wien geboren. Von 1975 bis 1979 studierte er Rechtswissenschaften. Nach seinem Studium und Studienaufenthalten im Ausland arbeitete er viele Jahre im Kommerzkreditgeschäft einer österreichischen Großbank, bevor er 1995 zum Kreditschutzverband wechselte. Seit 1996 leitet er den Bereich Insolvenz.

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