BMW Steyr gibt Gas beim Diesel - der E-Antrieb wird angefahren

BMW Steyr gibt Gas beim Diesel - der E-Antrieb wird angefahren

Das Herzstück bei BMW in Steyr ist die Produktion von Dieselmotoren. Von einem Diesel-Exodus, wie es Berater beim Blick in die Glaskugel erkennen wollen, lassen sich die BMW-Motorenbauer nicht beeindrucken - noch nicht.

Wird der Diesel-Motor zum Auslaufmodell, wie es etwa das Beratungsunternehmen EY und Analysten von UBS für spätestens 2025 prognostizieren? Wenn, dann hätte dies massive Auswirkungen für BMW in Steyr und die Region. 4.400 Arbeitsplätze hängen an dem BMW-Motorenwerk. Doch dort sieht man der Zukunft entspannt bis gelassen entgegen, wie der BMW-Motoren-Chef Gerhard Wölfel dem trend bestätigt. Neben Diesel wird bereits auf E-Motoren gesetzt.

Ausgehämmert? Kommt tatsächlich das Aus für den Dieselmotor? Für die Unternehmensberater von EY (vormals Ernst & Young) ist der Diesel-Motor bereits Schnee von gestern. Bis zum Jahr 2025 werde der Dieselantrieb "weitgehend verschwinden", lautet die Expertise der Autoexperten von EY. Und sie sind mit dieser Einschätzung nicht allein. Auch die Analysten des Schweizer Bankhauses UBS unterlegen ihre Prognosen beim Blick in die Glaskugel auf beschriebenen 43 Blatt Papier. Der Autoindustrie verheißen die Zahlen einen massiven Umbruch. Das Urteil der Schweizer Banker: Diesel wird bis 2025 als Antrieb weitgehend verschwinden.

Nur noch acht Jahre sollen also die Diesel-Motoren unter den Motorhauben hämmern. Die Rechnung dürften einige Prognostiker allerdings ohne die Autokonzerne gemacht haben. Die sehen die Situation etwas anders - VW-Skandal hin oder her. Trotz des Hypes um Autos mit Elektromotor und Hybrid-Fahrzeugen mit kombinierten Elektro- und Benzinantrieben dürfte der Verbrennungsmotor alles andere als ein Auslaufmodell sein. Dass der Diesel bis 2025 bedeutungslos sein wird und gar verschwindet, scheint je nach Blickwinkel eher Wunschdenken zu sein.

Auch das in Österreich von Umweltminister Andrä Rupprechter zu Jahresende 2016 erneut andiskutierte Ende des Steuerprivilegs von Diesel - derzeit wird der Liter Benzin mit 48,2 Cent Mineralölsteuer belastet, Diesel hingegen nur mit 39,7 Cent - oder die Initiativen mancher Institutionen und Protestierer bewegen die Autobauer nicht dazu, ihre Produktionen von Dieselautos zurückzufahren.

Der verhaltene Alarm

Wenn die Blicke in die Glaskugel stimmen, dann müssten nicht nur beim weltgrößten Autobauer VW, sondern vor allem beim Premiumhersteller BMW im oberösterreichischen Steyr und in der Region rund um das Motorenwerk des bayrischen Autobauers die Alarmglocken läuten. Schließlich geht es im BMW-Motorenwerk um 4.400 Top-Arbeitsplätze. Seit Gründung des Werks im Jahr 1979 hat BMW in Steyr rund 6,1 Milliarden Euro investiert.

Von einem Aus bei Dieselmotoren oder gar einem sukzessiven Rückbau am BMW-Standort Steyr, der durch die Prognosen von EY und UBS eine logische, düstere Schlussfolgerung für die Oberösterreicher wäre, will man in Oberösterreich freilich nichts wissen. Das Gegenteil ist der Fall. "Allen Unkenrufen zum Trotz wird die Verbrennungstechnologie noch eine ganze Weile die führende Antriebstechnologie bleiben", widerspricht Gerhard Wölfel, Geschäftsführer BMW Group Werk Steyr, den Prognosen von EY und UBS.

BMW-Dieselmotoren-Chef Wölfel unterlegt seine These mit anderen offiziellen Zahlen: "2020 soll der Anteil von Elektrofahrzeugen am Gesamtmarkt laut Prognosen zwischen drei und vier Prozent liegen." Angesichts der derzeitigen Absatzzahlen von E-Autos und Hybrid-angetriebenen PKW sieht Wölfel die Elektromobilität "aktuell noch in den Kinderschuhen".

Jüngsten Marktdaten zufolge werden nur 0,2 Prozent aller in Österreich angemeldeten Autos mit Elektromotoren angetrieben. In Zahlen: 8500 E-Autos. Weltweit haben derzeit 0,6 Prozent der zugelassenen Autos einen E-Motor oder Hybrid-Motor unter der Haube.

Und Wölfel sieht zwei gewichtige Gründe, die einer Massenverbreitung von Autos mit reinem E-Antrieb immer noch entgegen stehen: "Aus Kundensicht gibt es noch zwei wichtige Hemmschuhe: Reichweite und Preis."

Doch der Druck auf die Autobauer nimmt zu, nicht zuletzt wegen der Abgas-Manipulationen bei Volkswagen. Aktivisten von Greenpeace hatten Mitte Dezember am VW-Unternehmenssitz in Wolfsburg gegen die Autokonzerne und Dieseltechnik demonstriert. "Ruhe in Frieden - Diesel" stand auf den Bannern, das die Aktivisten hochhielten. Und das Thema ist auch bei der Politik angekommen.


Wenn die Kunden ein Fahrzeug mit elektrischen Antrieb bestellen wollen, sind wir darauf vorbereitet.

Gerhard Wölfel - Geschäftsführer BMW Group Werk Steyr

Selbst der kritische deutsche Automobilexperte Stefan Bratzel, Leiter des Center of Automotive Management an der FHDW in Bergisch-Galdbach, sieht die Zahl der Neuzulassungen der E-Autos bis 2020 nur moderat ansteigen. Auf 2,5 bis maximal sechs Prozent am weltweiten Automarkt werde bis 2020 der Anteil der E-Autos ansteigen. Bis zum Jahr 2025 rechnet Bratzel mit rund 25 Millionen neu zugelassenen Autos mit E-Antrieb, was dann noch immer erst ein Viertel der jährlichen Neuzulassungen am Weltmarkt wäre.

Das Bekenntnis

Von Untergangsszenarien rund um den Diesel-Motor ist man also in Steyr und BMW weit entfernt. "Die BMW Group bekennt sich klar zum Standort in Steyr und investiert auch weiterhin kräftig", bekräftigt BMW-Motorenwerk-Chef Wölfel. In den letzten vier Jahren beliefen sich die Investitionen auf rund 1,4 Milliarden Euro.

Gerhard Wölfel, Chef des BMW-Motorenwerks in Steyr: "Unsere Produktionswelt wird immer schnelllebiger und die Zukunft des Antriebs wird auf lange Sicht bunter werden." Es geht in Steyr nicht mehr nur um Diesel- und Benzin-Motoren.

Und auch künftig setzt man im Land ob der Enns auf den Diesel-Motor, aber auch auf andere "Zukunftsthemen". Weitere 100 Millionen Euro sollen in Steyr in ein Dieselmotorenentwicklungszentrum investiert werden. Das Geld investiert BMW in sein "weltweit einziges Dieselmotorenzentrum" mit 30 neuen Motorenprüfständen, die noch Ende 2017 in Betrieb gehen sollen. Hier soll quasi der Fitnesstest für die Emissionsanforderungen für die BMW-Autos erfolgen.


BMW Steyr in Zahlen

  • Pro Jahr werden 1,2 Millionen Motoren gefertigt
  • Rund zwei Drittel der Motoren sind Dieselmotoren
  • Seit 20102 wurden 1,5 Milliarden Euro ins Motorenwerk in Steyr investiert
  • Mehr als 100 Motorvarianten werden für 38 verschiedene BMW-Modelle und zehn Mini-Modelle produziert.
  • Bis zu zehn Prozent der Motoren einer Fahrzeugbaureihe kann BMW als Plug-In Hybrid produzieren
  • Mitarbeiter: 4400
  • Umsatz: 3,8 Milliarden Euro (2015)
  • Gewinn (EGT): 233,1 Mio. Euro
  • Gründung: 1979

Allerdings ist auch in Steyr unter dem blau-weißen Propeller-Logo nichts in Stein gemeißelt. In der oberösterreichischen Dependance, in der das konzernweite Entwicklungszentrum für BMW-Dieselmotoren angesiedelt ist, beschäftigen sich die Ingenieure freilich abseits von Diesel-Motoren auch mit den Zukunftsthemen.

Der E-Motor

"Wir arbeiten intensiv in beide Richtungen", sagt Wölfel. Und auch in Steyr hat man die Zukunft und Motorentechnologien abseits der Verbrennungsmotoren im Fokus. Die anstehenden Umwerfungen in der Autoindustrie werden freilich nicht unterschätzt. "Wir stehen vor dem größten Veränderungsprozesse der Automobilgeschichte", erklärte BMW-Vorstand und CIO Klaus Straub anlässlich einer Konferenz des IT-Datenspezialisten Teradata in Hamburg im April 2016. "Autokonzerne werden sich wieder neu erfinden."

In Steyr ist diese Botschaft klar angekommen. "Eines ist klar: Unsere Produktionswelt wird immer schnelllebiger und die Zukunft des Antriebs wird auf lange Sicht bunter werden", meint Wölfel. "Motorenprogramme und entsprechende Volumina ändern sich rascher. Bei all diesen Dingen ist Flexibilität entscheidend."

Neben der Flexibiltät in der Produktion hat sich BMW in Steyr auch auf die Zukunft vorbereitet. "Wir beschäftigen uns sehr intensiv mit diesen Zukunftsthemen", erklärt Wölfel. Das Thema eMobility ist in der strategischen Ausrichtung nicht ein Detail der Strategiepapiere. Wölfel: "Die anspruchsvolle Projektlandschaft unserer mechanischen Fertigung beinhaltet seit kurzem auch die Bewerbung um die Produktion von Elektromotoren-Komponenten."

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