Das Österreichische Wirtschaftsmagazin

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9.1.2012 14:03

Neue digitale Alternativen werden das Fernsehverhalten demnächst revolutionieren

Der österreichische Fernsehkonsument ist konservativ und wenig fortschrittlich. Ihm fehlen aber auch noch ernsthafte digitale Alternativen. Das ändert sich nun: Fernseherproduzenten, Broadcaster und Online-Anbieter basteln intensiv an der neuen digitalen TV-Welt, die immer mehr mit dem Internet verschmelzen wird.

Die Zahlen überraschen. Auch die Experten. Kaum Interesse an Internet auf den Fernsehgeräten, Online-TV wird kaum genutzt, und interaktives Fernsehen braucht schon gar keiner. „Die österreichischen Fernsehkonsumenten sind im Allgemeinen weniger fortschrittlich“, konstatiert der Leiter der TV-Abteilung bei Ericsson Austria, Gerhard Bauer, nüchtern. „Im Vergleich zu anderen Ländern ist der durchschnittliche Österreicher in seinem Verhalten, wie er Technologie anwendet, einfach konservativer.“ Das liest er aus den Ergebnissen einer Studie heraus, die das ConsumerLab des schwedischen Netzwerkausrüsters in 13 Ländern der Welt durchgeführt hat – darunter auch in Österreich, dessen Zahlen trend exklusiv vorliegen.

Folgt man den Angaben der über 1000 befragten Österreicher, ergibt sich daraus das Bild des Couchpotatoes, der um 20.15 Uhr den Hauptabendfilm schaut, Videos aus dem Web gerade mal auf YouTube konsumiert und von dem Online-Schnickschnack, den die Fernseherhersteller neuerdings anbieten, nichts wissen will.

„Der typische Österreicher stellt für die Industrie schon auch unangenehme Fragen“, muss der für Unterhaltungselektronik verantwortliche Manager bei Samsung Austria, Gerald Reitmayr, zugeben. „Im Vergleich zu anderen Ländern werden neue Dienste viel stärker hinterfragt.“ Österreicher müssten – vor allem im Vergleich zu asiatischen Konsumenten – von Veränderungen erst überzeugt werden.

Andererseits hat Reitmayr auch die Erfahrung gemacht, dass diejenigen, die sich dann für das Neue entscheiden, die technischen Innovationen intensiv nutzen. Zu einem ähnlichen Schluss kommt auch Ericsson-Experte Bauer: „Die technisch affinen Konsumenten sind in Österreich genauso weit wie in anderen Ländern, aber der Massenmarkt hinkt hinterher.“ Konkret um rund zwei Jahre: „Auch bei YouTube oder den sozialen Netzwerken sind wir jetzt dort, wo Großbritannien oder Schweden 2009 waren.“

Digitale Mattscheibe

Die Ursachen für das verhaltenere Verhalten der Österreicher sind vielfältig – und nicht ausschließlich eine Mentalitätsfrage: So mangelt es auch an der technischen und praktischen Verfügbarkeit moderner digitaler Fernsehdienste. Zunächst hat Österreich, was die Verbreitung von Breitbandinternet betrifft, deutlichen Rückstand; die USA, UK, Asien, aber auch Deutschland sind vergleichsweise wesentlich besser versorgt. Die mangelnde Vernetzung ist wiederum mit ein Grund dafür, warum viele Online-Dienste noch nicht bei uns verfügbar sind. Und schließlich ist Österreich ein Land, in dem knapp mehr als die Hälfte der Haushalte ihr TV-Signal via Satellit empfangen und daher nicht automatisch wie etwa beim digitalen Kabel-TV gleich auch das Fernsehgerät mit dem Internet verbunden haben.

Doch die Indizien dafür, dass sich diese Situation schon in den kommenden zwei, drei Jahren massiv ändern wird, verdichten sich. Zum einen arbeitet A1 heftig am Ausbau seines Breitbandnetzes; zum anderen arbeiten Gerätehersteller, Fernsehanstalten und Videoanbieter intensiv an einer neuen Fernsehwelt, der sich auch die österreichischen TV-Konsumenten nicht verschließen werden.

> So werden die TV-Hersteller künftig nur noch Geräte produzieren, die internetfähig sind, und dabei auch gleich für entsprechenden Online-Content sorgen. „Der Fernseher ist das größte Display zu Hause“, erklärt Samsung-Experte Reitmayr, „wir wollen ihn zur zentralen Drehscheibe für das tägliche Leben machen.“

> Zu den Kooperationspartnern werden möglicherweise bald auch jene großen Video-on-Demand-Anbieter (VoD) zählen, die derzeit in den USA die populärsten Online-TV-Inhalte offerieren: Netflix und Hulu. Neuesten Meldungen zufolge soll der Videodienst Hulu, der 2007 von den Medienriesen News Corp. und NBC Universal gegründet wurde, bereits den deutschsprachigen Markt für eine Expansion sondieren. Auch Netflix könnte bald Europa erobern und den herkömmlichen Videotheken den Kampf ansagen. Der ursprünglich als DVD-Verleih gegründete Streaming-Dienst ist heute mit einem Flat-Rate-Modell erfolgreich, bei dem die Kunden um acht Dollar pro Monat beliebig viele TV-Serien und Filme online konsumieren können (nur abspielen, nicht aufnehmen = streaming). Nach dem Start in Kanada vor einem Jahr spricht Netflix von weiterer „internationaler Expansion“. Und auch der VoD-Dienst LoveFilm von Amazon, der bereits in Deutschland aktiv ist, wird wohl kaum den österreichischen Markt auf Dauer links liegen lassen.

> Andere US-Konzerne sind längst in Österreich aktiv, wenn auch mit einem noch nicht ganz so üppigen Angebot. Microsoft baut die Video- Streaming-Plattform Zune Video, die über Xbox360 oder PC verfügbar ist, erst jetzt so richtig aus und offeriert ab sofort auch Blockbuster von 20th Century Fox, Paramount und Warner Bros. Apple schaltete vor einem Jahr seine – recht teuren – Film-Downloads auf iTunes für Österreich frei, will aber künftig mit einem eigenen Apple-Fernseher das TV-Geschäft so richtig aufrollen. Wie auch Suchmaschinengigant Google, der bereits für 2012 den Google-Fernseher ankündigt.

> Auch A1 mit seinem internetbasierten A1 TV, über dessen Portal – je nach genutztem Abo – bis zu 150 Fernsehkanäle, zum Teil in HD-Qualität, die ORF-TVthek sowie 2000 Filme und Serien abrufbar sind, will seine Plattform im kommenden Jahr ausweiten und überarbeiten: So soll das vielfältige Angebot spannender präsentiert, mit zusätzlichen Internetinhalten ergänzt und in der Bedienung noch einmal vereinfacht werden. „Der Fernseher wird zum Marktplatz verschiedener Anbieter werden“, erkärt der A1-Vorstand für Marketing, Vertrieb und Service, Alexander Sperl. „Unser Vorteil ist, dass wir alles aus einer Hand anbieten können: den Internetzugang, das klassische Fernsehen und unser Video-on-Demand- Angebot.“ Derzeit wird von den fast 190.000 Kunden jeweils ein extra bezahlter Film pro Monat konsumiert. Das sei zwar europaweit unter allen IPTV-Anbietern schon jetzt ein Spitzenwert, betont Sperl, biete jedoch noch viel Potenzial: „Die User sind immer mehr dazu bereit, für ein paar Euro bequem und auf legale Art und Weise Content in bester Qualität zu konsumieren.“

> Die erwähnte TVthek des ORF ist übrigens heiß begehrt – garantiert sie doch hohe Zugriffszahlen von TV-Zuschauern, die sich zeitunabhängig eine vom ORF produzierte Sendung noch bis zu sieben Tage nach der Ausstrahlung ansehen wollen. 50.000 bis 60.000 User pro Tag nutzen das via PC, Smartphone oder eben A1 TV abrufbare Portal und generieren so bereits zehn Millionen Videoabrufe pro Monat. Im kommenden Jahr soll der Kabelnetzbetreiber UPC als Kooperationspartner folgen; auch mit Samsung oder Philips werden bereits Verhandlungen für den Einsatz auf deren Net-TV-Portalen geführt.

> Der ORF arbeitet aber bereits in Kooperation mit der Sendertochter ORS an der nächsten Neuerung: HbbTV (Hybrid Broadcast Broadband TV). „Das ist der nächste Technologieschritt zur Verschmelzung von Fernsehen mit dem Internet“, erklärt Thomas Prantner, Direktor für Online und Neue Medien im ORF. Dabei handelt es sich um eine EU-weite Initiative mit einem einheitlichen Standard, der bereits Basis für die Integration in die neuesten TV-Geräte ist. Die meisten deutschen Sender inklusive ARD und ZDF bieten bereits entsprechende Dienste, bei denen auf Knopfdruck – den so genannten Red Button – auf Online-Inhalte der Kanäle zugegriffen werden kann. So lassen sich etwa ergänzende Informationen zur laufenden Sendung am Bildschirmrand darstellen oder auch ganze Mediatheken am Fernsehschirm abrufen. Prantner: „Derzeit analysieren wir die Ergebnisse unseres Pilotbetriebs.“ Für ORS-Geschäftsführer Michael Wagenhofer ist HbbTV jedenfalls ein geniales Werkzeug der Kundenbindung für jeden Fernsehsender: „Dem Zuseher kann damit eine Menge ergänzender Informationen geboten werden, ohne dass er dabei Programm oder Medium wechseln muss.“ Er rechnet jedenfalls fest damit, dass bis Weihnachten nächsten Jahres der eine oder andere heimische Sender mit HbbTV starten wird.

Jugend vor dem Fernseher

In Summe bringt das Jahr 2012 jedenfalls eine Vielzahl von spannenden Neuerungen, von denen die meisten auf eine endgültige Verschmelzung von Internet und Fernseher abzielen. Doch trotz des immer größer werdenden Angebots von Internet-TV-Diensten wird das klassische Fernsehen nicht so schnell an Bedeutung verlieren. Selbst in den USA, mit der laut Ericsson-Studie höchsten Rate an gestreamten Filmen und Serien, bleiben die Quoten für die Broadcaster des Landes unverändert hoch: 83 Prozent sehen regelmäßig nach Programm fern – bei den 16- bis 19-Jährigen sind es immerhin noch 73 Prozent; fast zwei Drittel dieser jungen Zielgruppe konsumieren parallel dazu auch gestreamte Serien im Internet. In Österreich sind es 85 Prozent klassische Fernsehzuseher – bei der österreichischen Jugend liegt dieser Wert hingegen sogar bei 88 Prozent.

Für Wagenhofer ist dies ein eindeutiges Indiz dafür, dass das klassische Fernsehen „auch in den nächsten zehn Jahren unangefochten die Killerapplikation bleiben wird“. Was ORF-Direktor Prantner ganz ähnlich sieht: „Es kommt da zu keiner Kannibalisierung. Das Internet wird das Fernsehen nie gänzlich ablösen.“ Für die Konsumenten seien die Online-Angebote vor allem zusätzlich genutzte Medien, die das übliche Fernsehverhalten nicht konkurrenzieren, sondern ergänzen. Oder wie es A1-Vorstand Sperl ausdrückt: „Das Wesen des Fernsehens, sich nicht aktiv darum kümmern zu müssen, was man sehen will, wird immer auch von Bedeutung bleiben.“

Von Oliver Judex

9.1.2012 14:03
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