Wechselseitige Beziehungen: Hypo-Affäre plagt auch die Grazer Versicherung
- Innenansicht eines der merkwürdigsten Unternehmen

Der ebenso konservativen wie reichen Grazer Wechselseitigen Versicherung passierte durch die Hypo-Alpe-Adria-Affäre das, was sie am wenigsten schätzt: Sie rückte ins Blickfeld der Öffentlichkeit. Die Innenansicht eines der merkwürdigsten Unternehmen Österreichs.
Von Bernhard Ecker und Andreas Lampl
Am 27. Jänner dürfen sich die Mächtigen von Graz wieder einmal ein bisschen über sich selbst lustig machen. Die Faschingssitzung des Rotary-Club (RC) im Romantik Parkhotel der steirischen Landeshauptstadt steht unter dem Motto Management by Irony. Da kann Andritz-Boss Wolfgang Leitner seinen Maschinenbaukonzern einmal auf die Schaufel nehmen, Styria-Boss Horst Pirker über gescheiterte Medienallianzen witzeln oder Edgar Sterbenz Anekdoten aus seiner Zeit als ORF-Landesdirektor zum Besten geben. Ob auch Clubmitglied Othmar Ederer kommt, ist noch ungewiss. Der Boss des Versicherungskonzerns Grazer Wechselseitige AG (Grawe) reagiert auf die Frage nach seiner Teilnahme eher unwirsch: Ich weiß noch nicht. Lustig sein zählt nicht zu seinen Stärken.
Im Moment ist Ederer sowieso nicht zum Lachen zumute. Die Beteiligung an der mittlerweile notverstaatlichten Hypo Group Alpe-Adria brachte die Grawe in die Schlagzeilen: das Schlimmste für den öffentlichkeitsscheuen Ederer. Zwar ist die Grawe von den Justizermittlungen zum Hypo-Skandal nur am Rande betroffen. Aber sie rückte ins Blickfeld der Öffentlichkeit. Und es tauchen Fragen auf. Wie verkraftet die Grawe ihren Verlust? Warum gerät eines der traditionsfixiertesten und konservativsten Unternehmen immer wieder einmal in die Nähe von Finanzaffären? Wie funktioniert dieses steirische Unikum, 1828 von Erzherzog Johann höchstpersönlich gegründet, dessen Geist immer noch omnipräsent ist?
70 Millionen Hypo-Gewinn. 288 Millionen Euro muss der Grawe-Konzern in seiner Bilanz 2009 für den wertlos gewordenen 20-Prozent-Anteil an der Kärntner Hypo abschreiben. Weitere 30 Millionen Euro Partizipationskapital mussten zugebuttert werden sehr wenig im Vergleich zum einstigen Hypo-Hauptaktionär Bayrische Landesbank, der 825 Millionen zahlen musste. In Wirtschaftskreisen nährte das Spekulationen, dass Finanzminister Josef Pröll vielleicht deswegen gnädig war, weil eine höhere Belastung auch die Grawe in Schwierigkeiten gebracht hätte. Was Ederer in Abrede stellt.
Tatsächlich hätte die Grawe nur ein paar stille Reserven auflösen müssen. Und davon hat sie genug. Sie ist gemessen an ihrer Größe wahrscheinlich die reichste Versicherung Österreichs. Ihr Immobilienschatz ist legendär: Ihr gehört jedes zweite Haus in der Grazer Herrengasse, wo sich auch die Zentrale befindet. In Wien zählen Prachtobjekte am Lobkowitzplatz, in der Kärntner Straße oder am Stubenring (Café Prückel) zum Portfolio. Die meisten Immobilien stehen zu historischen Anschaffungskosten in den Büchern: Mit rund 400 Millionen Euro sind 505 Objekte bewertet. Die stillen Reserven beziffern Kenner mit über einer Milliarde Euro.
Obwohl die jetzt nötige Abschreibung das Eigenkapital von 798 Millionen vermindert, war sogar das Hypo-Abenteuer unterm Strich ein Gewinn, wie Ederer dem trend gegenüber erklärt. Alles in allem hat die Kärntner Bank laut einem Grawe-Insider 70 Millionen gebracht. Die Grawe steht ebenso solide wie merkwürdig da.
Othmar Ederer, 59, wollte längst aus der Hypo Alpe-Adria raus. Die Beteiligung baute sein Vorgänger Friedrich Fall schrittweise in den Neunzigern auf. Fall war ganz eng mit Jörg Haider und kaufte auch die RBB Bank in Wolfsberg, die sich ebenfalls im blauen Dunstkreis befand. Im Jahr 2000, nach dem Auffliegen unschöner Betrugs- und Spekulationsskandale bei der RBB, verunglückte Fall in den Dolomiten tödlich. Ederer, der mit Falls Netzwerk nichts anfangen konnte, war stets unglücklich mit der Nähe mancher Grawe-Geschäfte zur FPÖ. Der streng katholische Wirtssohn aus Weiz, Absolvent des Bischöflichen Gymnasiums Weizberg und sozialisiert in der Katholischen Hochschülerschaft, trachtete danach, den Kurs zu korrigieren. Ederer hatte Falls Erbe abzuwickeln, fasst Ex-Vizekanzler Josef Riegler zusammen, selbst bis 2003 im Grawe-Aufsichtsrat. Dem Top-Manager liegt das Erbe des steirischen Erzherzogs näher.
Vorstand zurückgepfiffen. Die RBB wurde zur Capital Bank, die mehr als die Hälfte der sechs Milliarden Euro, die sie verwaltet, für die Grawe veranlagt. Ederer erlaubte Bankvorstand Christian Jauk, einem seiner wenigen Vertrauten, die Übernahme der Bank Burgenland, weil sie quasi gratis war und größenmäßig passte. Als Jauk kürzlich gerne die skandalumwitterte Constantia Privatbank kaufen wollte, wurde er harsch zurückgepfiffen. Hoppalas passieren dem vorsichtigen Ederer nur noch selten: etwa 30 Millionen Euro Verlust beim US-Betrüger Bernard Madoff oder Turbulenzen um Spekulationen des Kärntner Investors Auer von Welsbach.
Die Grawe-Struktur bringt es mit sich, dass Ederer sehr patriarchalisch agieren kann. Er kommuniziert auch intern nur mit wenigen Mitarbeitern und ist quasi Top-Manager und Eigentümer in einem. Kritische Fragen sind selten. Die Geschäfte des Konzerns werden immer von Nachfahren Erzherzog Johanns kontrolliert, derzeit vom Ururenkel Franz Harnoncourt-Unverzagt. Der steht seit mittlerweile fast 26 Jahren an der Spitze des Aufsichtsrats und erzählt stolz: Wir haben in vielen unserer Auslandsbüros Bilder von Erzherzog Johann hängen. Dass er sozusagen zur Corporate Identity gehört, tut der Grawe gut. 720 Vorstandssitzungen habe er als Präsident schon beigewohnt, erzählt der Bruder des Dirigenten Nikolaus Harnoncourt. Wenn seine Periode 2012 ausläuft, wird ihm mit dem Wiener Anwalt Philipp Meran höchstwahrscheinlich ein Urururenkel des Erzherzogs folgen.
Kein richtiger Eigentümer. Die Kontrollore bilden eine verschworene, großteils steirische Familie. Eigentümer des Konzerns ist ein Verein, der aus 400.000 Grawe-Versicherten besteht. Die 48-köpfige Mitgliederversammlung erneuert sich aus sich selbst heraus und agiert wie eine Hauptversammlung: Sie bestimmt den Aufsichtsrat und nickt die Bilanzen ab. Vorstand und Aufsichtsrat von Verein und AG sind überdies deckungsgleich.
Dachdecker und Baumeister mischen sich in der Mitgliederversammlung mit Geistlichen, Bauernvertretern und Landesjägermeistern. Die Pharma-Unternehmerin Ilse Bartenstein, die ihr Generika-Unternehmen bei der Grawe versichert hat, gehört ebenso dazu wie Christoph Habsburg-Lothringen, Forstwirt aus dem Lavanttal, oder Bauern-Präsident Fritz Grillitsch wie der Ötztaler Seilbahn-Multi Jakob Falkner oder der Kaffee-Konsul Johannes Hornig.
Dass es an unternehmerischen Vorgaben für das Management mangelt, glaubt Harnoncourt-Unverzagt nicht: Wir sind ein solides und gesundes Biotop. Für eine externe Kontrolle reicht der Wirtschaftsprüfer. Es gibt aber auch Experten im Umfeld der Grawe, die das anders sehen. Mit einem starken Eigentümer könnte die Rendite viel höher sein, meint einer, der anonym bleiben will. Ederer sei zu defensiv und abwartend, vor allem im Bankgeschäft, und nütze seine extrem günstige Kostenstruktur nicht genug aus. Tatsächlich verdient die Grawe im Verhältnis zu ihrer Bilanzsumme in Normaljahren relativ wenig (ohne Sondereffekte wie 2006 oder 2007).
Ederers Grundkonservativität passt zum System Grawe. Der Betriebswirt, der einst bei Steyr-Daimler-Puch in der niedergehenden Fahrrad- und Motorradproduktion tätig war, verfolgt die Philosophie: Am liebsten alles selber machen auch, um sich nicht in die Karten schauen lassen zu müssen. Immobilien werden in Eigenregie entwickelt, etwa Bürohäuser in Belgrad, Skopje oder Sofia. Bei der Expansion nach Südosteuropa im Versicherungsbereich wurden Zukäufe und Partner vermieden gestartet wurde stets auf der grünen Wiese. Selbst auf die Zusammenarbeit mit der Hypo, die dort stark ist, wurde weitgehend verzichtet. Die Folge: sehr geringe Marktanteile, aber ein solides Geschäft ohne allzu große Risken.
Er ist alles andere als ein Hasardeur, fasst der Grazer Architekt Hermann Eisenköck seine Einschätzung des Rotarier-Bruders Ederer zusammen. Intern gilt der Grawe-Boss als extremer Kontrollfreak, der sich zuweilen sogar die Benzinabrechnungen leitender Mitarbeiter persönlich vorlegen lässt. Sparsamkeit hat Ederer zum Managementstil erkoren: Er habe sogar schon überlegt, seinen ohnehin eher bescheidenen Audi-A6-Dienstwagen gegen einen A4 einzutauschen, so wird berichtet. Nicht alle in der Grawe goutieren solche Attitüden uneingeschränkt weil es im Konzern an Offensivgeist fehle.
Leichte Panik. Eine Zeit lang wird sich Ederer noch mit dem Hypo-Thema herumschlagen müssen. So tauchte jetzt auch das Gerücht auf, vermögende Steirer hätten ihren Einfluss auf die Grawe ausgespielt, um Ende 2006 ein 15-Prozent-Paket an der Kärntner Landesbank via Option dem Investor Tilo Berlin zu verkaufen weil sie als Teil von dessen Investorengruppe beim Weiterverkauf an die Bayrische Landesbank selbst groß mitverdienten. Ederer bezeichnet das als völlig aus der Luft gegriffen: Die Abläufe mit uns sind sauber, transparent und nachvollziehbar.
Panik herrscht jedoch in der Grawe, weil Ederers Vorstandskollege Siegfried Grigg, der zum engsten Kreis um den Chef gehört, nach dem unfreiwilligen Abgang von Hypo-Boss Wolfgang Kulterer interimistisch die Bank leitete. Derzeit durchwühlen ganze Gruppen von Anwälten jede Zeile aus allen Protokollen aus dieser Zeit, um zu prüfen, ob Grigg damals irgendetwas übersehen oder falsch gemacht haben könnte.
Es wäre der Worst Case fürs über 182 Jahre gepflegte Erzherzog-Johann-Image der Grawe, wenn irgendetwas an ihrem Management hängen bliebe. Dann könnte der so vorsichtige Ederer seinen Rotarier-Kollegen am 27. Jänner es ist sein 59. Geburtstag wirklich einiges erzählen über Management by Irony.












