Andreas Lampl
Wenn Steine rollen, dann brechen Dämme

Die Krise wirkt auch wie ein reinigendes Gewitter. Sie spült viele Skandale an die Oberfläche, die sonst nie ruchbar geworden wären. Und das ist gut so.
Sind Ihnen manche Super-Deals in der Wirtschaft und deren Helden auch immer komisch vorgekommen? Da braucht die marode Kärntner Bank Hypo Alpe-Adria dringend Geld, findet monatelang keinen Kapitalgeber, plötzlich taucht ein Deutscher mit dem Namen einer Welthauptstadt auf. Berlin, Vorname: Tilo. Der steigt zusammen mit vermögenden Investoren (auch aus Österreich) ein und ein halbes Jahr später mit 170 Millionen Euro Gewinn wieder aus. Keiner weiß, wieso die Hypo plötzlich um so viel mehr wert ist nur dass der Chef des Käufers (BayernLB) ein früherer Kollege des Herrn Berlin ist.
Da lässt der Chef der Constantia Privatbank und der Immofinanz- Gruppe jahrelang regelmäßig die Immobilien aufwerten natürlich abgesichert durch Gutachten. Die Bank und ihre Manager verdienen Unsummen. Die Anleger gönnen es ihnen, weil auch der Aktienkurs stetig steigt. Wer nicht an die wundersame Geldvermehrung glaubt, wird niedergebügelt.
Nach dem gleichen Muster verfährt Julius Meinl und versucht das Prinzip schnell noch auf einen Energie- und einen Flughafen-Fonds zu übertragen. Der Mann einer reichen Kristallerbin hilft ihm dabei.
Dieser schanzt, noch als Finanzminister, auch der Immofinanz ein Riesenpaket Bundeswohnungen zu und spricht von einer superprofessionellen und korrekten Privatisierung.
Und in den USA erlangt ein Mister Madoff den Ruf eines Finanzgenies, weil seine Fonds über lange Zeit durch kleine und größere Krisen nur eine Richtung kennen: steil nach oben. Der Ruf hallt bis ins kleine Österreich, wo Anleger über die Medici-Bank bei Madoff kräftig zulangen.
Wehe denen, die an den Künsten der vielen Finanzmagier zweifelten. Sie galten als engstirnig, neidisch oder schlicht zu unintelligent fürs Geschäft. Eine Sache konnte noch so dubios sein. Die Systeme hielten dicht: Alles war immer sauber, alles legal. Man fragte sich zuweilen, ob man vielleicht wirklich immer das Böse sehen wollte, wo es gar nichts Unrechtes gab? Wo einfach nur smarte Leute am Werk waren? Mit diesem Zaudern hat die Krise gründlich aufgeräumt. Sie lehrt uns gerade: Was zum Himmel stinkt, ist (fast) immer auch faul. Wenn dieser Crash eine gute Seite hat, dann die, dass er viele üble Machenschaften an die Oberfläche spült. Die merkwürdigen Umstände des Hypo-Kaufs wären nie beim Staatsanwalt gelandet, hätte die Bank nicht so massiv an Wert verloren. Madoff wäre nicht aufgeflogen, hätten ein paar seiner Großkunden nicht plötzlich Geld gebraucht.
Der schamlose Selbstbedienungsladen, den Immofinanz- Boss Karl Petrikovics aufgezogen hatte, wäre ohne den dramatischen Kurseinbruch der Aktie nicht explodiert. Und wäre das nicht passiert, dann wüsste noch immer niemand, dass die Grasser-Freunde Walter Meischberger und Peter Hochegger fast zehn Millionen Euro beim Buwog-Deal kassierten.
Dominoeffekte wie diesen wird es noch einige geben. Wenn die Steine erst einmal rollen, dann halten viele Dämme nicht mehr. Wussten etwa die honorigen Industriellen, die an der Hypo-Transaktion mitverdienten, von Anfang an, dass ihnen die Bayern die Anteile teuer abnehmen werden?
Das reinigende Gewitter, das sich krisenbedingt über Österreich ergießt, tut weh und schürt auch das Misstrauen gegenüber den Mächtigen in Wirtschaft und Politik. Für die Stimmung im Land wäre es vielleicht besser, nicht so genau zu wissen, wer aller wo seine Finger im Spiel hatte. Trotzdem ist Konsequenz beim Saubermachen notwendig. Die Staatsanwälte sind durch viele hochkomplexe Fälle überfordert. Der Druck von oben auf die Justiz wird steigen. Sie steht jetzt auf dem Prüfstand.
Im Übrigen hat die Krise auch Skandale anderer Art ans Tageslicht gebracht. Auch das Skylink-Desaster des Wiener Flughafens wäre sonst möglicherweise nicht ruchbar geworden. Noch vor zwei Jahren wurde Beratern erklärt, die sich mit dem Problem beschäftigten, man werde die Mehrkosten schon in den Bilanzen unterbringen. Erst der massive Geschäftseinbruch verhinderte das Versteckspiel. Ähnliches gilt für die Spekulationen der ÖBB.
lampl.andreas@trend.at













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