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Keep Cool. Machen Sie sich nicht verrückt. Sie werden die Krise schon überstehen.

  • Von Reginald Benisch

Seelenheiler haben zurzeit Hochkonjunktur. Die Wirtschaftskrise löst bei vielen Menschen depressive Zustände aus. Einige Psychologen und Psychiater seien sogar bereits von ihren Patienten angesteckt worden,
hört man. Irgendwie komisch, denn eigentlich sollte es den Therapeuten ja besser gehen als früher.

Ob die Patienten auf der Couch wirklich Trost und Zuversicht finden? Die Seelenexperten werden sich jedenfalls nicht leichttun mit der Behandlung der aktuellen Ängste. Es geht nicht um einen Schock nach einem Tsunami oder Terroranschlag, es geht nicht um den plötzlichen Tod eines geliebten Menschen. Was sich da in die Seelen der Österreicher frisst, ist die Angst vor möglichen Abstrichen vom persönlichen Wohlstand. Dass hier auf wirklich hohem Niveau gejammert wird, ist offenbar wenig Trost. Denn die Auslöser der Depressionen sind durchaus gravierend: Die Menschen wurden in den letzten Jahren immer wieder schamlos belogen, getäuscht und verführt: Da zeigte sich, dass Meinl European Land doch kein Sparbuch ist, dass bombensichere Kapitalgarantien wie Seifenblasen platzen oder dass Gaslieferungen jederzeit eingestellt werden können. Und dann kam über Nacht die Finanzkrise und die Rezession.

Das Ende der guten Konjunktur kam ohne Vorwarnung, und das mag schon verunsichern. Schließlich gilt Nationalökonomie als Wissenschaft. Dabei bin ich überzeugt, dass der eine oder andere Wirtschaftsexperte beim Spielen mit Modellen und Szenarien durchaus zu bedrohlichen Ergebnissen kam. Gerüchte darüber kursierten seit Jahren. Bloß publiziert wurde davon offensichtlich nichts. Wer will sich schon als Kassandra oder Spielverderber unbeliebt machen? Politikern passen solche Katastrophenszenarien ohnehin nie ins Konzept, aber auch Managern wäre ein Strategiewechsel sehr ungelegen gekommen – damit hätte man nämlich die nächste Quartalsprämie riskiert. Ich habe keine Ahnung, ob sich unter den depressiven Patienten der Psychologen und Psychiater vor allem Arbeitslose finden oder noch Beschäftigte, ob Junge oder Senioren, Anleger oder Hypothekarschuldner. Meiner Meinung nach hätten speziell die Manager durchaus akuten Bedarf an Therapie, denn sie sind offenbar besonders verunsichert. Die meisten trauen sich nämlich nach wie vor nicht zu prognostizieren, wie sich die Geschäfte heuer und 2010 entwickeln werden. Ich meine: So viel Ratlosigkeit disqualifiziert gut bezahlte Strategen. Ich verstehe natürlich, dass der Schock über den Beinahezusammenbruch des globalen Finanzsystems den Unternehmensführern ordentlich in die Knochen gefahren war. Aber mittlerweile gibt es ja wieder Kredit, auch wenn dafür deutlich mehr zu bezahlen ist als vor einem Jahr. Die Zeit des spottbilligen Gelds und des großzügigen Leverage ist halt vorbei. Jetzt werden für Risken wieder Aufschläge verlangt, wie sich das laut Lehrbuch auch gehört.

Genau das ist aber auch eine Chance für Unternehmen mit starker Marktposition, solider Bilanz und gefüllter Kriegskasse. Wer jetzt in Produktentwicklung, neue Anlagen oder in die Übernahme interessanter Firmen investiert, steht am Beginn des nächsten Konjunkturzyklus besser da als zuvor – und bezahlt dafür derzeit so wenig wie schon lange nicht. Natürlich ist es riskant, in Zeiten großer Unsicherheit Entscheidungen zu treffen. Aber ist das denn wirklich so außergewöhnlich? Unternehmer und Manager treffen solche Entscheidungen tagein, tagaus. Und die wirklichen Guten verlassen sich dabei mehr auf ihren Hausverstand als auf die tückischen Resultate der Wahrscheinlichkeitsrechnung, auf die mathematischen Fähigkeiten des Währungsfonds oder die Meinung eines Paul Krugman. Und der Hausverstand sagt: Die Gefahr eines Zusammenbruchs des Finanzsystems ist offenbar gebannt. Jetzt haben wir eine Rezession am Hals – eine besonders tiefe und langwierige offenbar. Aber Rezessionen gehen zu Ende, und einer wohlhabenden Nation sollte es sogar gelingen, jene, die ihren Job verlieren, solidarisch über die Krise zu tragen. Wie gesagt, wir leiden auf außergewöhnlich hohem Niveau. Sie sollten sich weder Schlaf, Appetit noch den Verstand rauben lassen, sondern lieber aufpassen, dass Sie nicht Ihre nächsten
Chancen verpassen.

benisch.reginald@trend.at

1.7.2009 14:58
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